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Umfrage: Hürden für die Teilhabe

Nach dem Abschluss der Umfrage „Hürden der Teilhabe: Erkennen, was ältere Menschen mit Behinderung an der Partizipation hindert“ wurden im ersten Halbjahr 2024 Antworten von fast 400 Personen ausgewertet. In Bonn, zur vierten Fachtagung von Sehen im Alter, wurden die Ergebnisse zum ersten Mal präsentiert.

Mithilfe der Umfrageergebnisse galt es herauszufinden, welche Möglichkeiten der Teilhabe und Mitwirkung bekannt sind und vielleicht schon (erfolgreich) genutzt werden. Des Weiteren wollen wir erfahren, was Menschen möglicherweise an der politischen, digitalen oder sozialen Teilhabe hindert.

Zusammenfassung der Umfrage-Ergebnisse:

Die Studie „Hürden der Teilhabe: Erkennen, was ältere Menschen mit Behinderung an der Partizipation hindert“ untersuchte die gesellschaftliche Teilhabe von älteren Menschen mit Sehbehinderungen. Ziel war es, die bestehenden Möglichkeiten und Hindernisse der politischen, digitalen und sozialen Partizipation zu identifizieren. Die Umfrage, die von 373 Personen begonnen und von 157 Personen vollständig beantwortet wurde, lieferte wertvolle Einblicke in die Herausforderungen und Bedürfnisse dieser Bevölkerungsgruppe.

In einer Welt, die zunehmend von visuellen Eindrücken geprägt ist, stehen Menschen mit Sehbehinderung vor besonderen Herausforderungen. Besonders betroffen sind ältere Menschen, die neben den natürlichen altersbedingten Veränderungen auch oft mit einer nachlassenden Sehkraft kämpfen. Diese Entwicklung kann zu erheblichen Einschränkungen in ihrem täglichen Leben führen, sei es beim Lesen, Einkaufen oder der Haushaltsführung und bei allen Belangen der Mitwirkung im gesellschaftlichen Leben und Teilhabe.

Hauptergebnisse

  • Barrierefreiheit als Hauptproblem:
    Digitale Barrierefreiheit: 67,67% der Teilnehmer gaben an, dass die digitale Barrierefreiheit verbessert werden muss, um eine aktive Teilhabe zu ermöglichen.
  • Bauliche Barrierefreiheit: 41,35% forderten Verbesserungen in der baulichen Barrierefreiheit, wie gut lesbare Infotafeln, bessere Beleuchtung und klar erkennbare Wege.
  • Fehlende Assistenz und Hilfsmittel:
    35,16% der Befragten beklagten, dass sie keine nutzbare Assistenz haben. 17,19% gaben an, dass keine geeigneten Hilfsmittel vorhanden sind.
  • Mangel an Informationen und Schulungen:
    46,62% der Teilnehmer fühlten sich nicht ausreichend informiert über Teilhabemöglichkeiten. Es besteht ein großes Bedürfnis nach bezahlten Schulungen zur Nutzung moderner Technik und Hilfsmittel.
  • Soziale und politische Hürden:
    30,08% der Teilnehmer wünschten sich generell mehr Problembewusstsein und Interesse an Lösungen bei den Entscheidungsträgern. Die Notwendigkeit von Inklusion und barrierefreien Angeboten wird oft nicht als essenziell angesehen.
  • Mobilität: 68,42% der Befragten nannten Mobilität als eine der größten Hürden für ihre Teilhabe, insbesondere im ländlichen Raum und im öffentlichen Verkehr.

Verbesserungsvorschläge

  • Erhöhung der Barrierefreiheit im Öffentlichen Raum: Einheitliche, genormte Leitstreifen, bessere Beleuchtung ohne Blendeffekt, größere Schrift auf Infotafeln und Anzeigen.
  • Technische Geräte: Alltags- und Haushaltsgeräte sollten haptisch bedienbar sein und keine erzwungene Abhängigkeit von Smart-Home-Technologien aufweisen.
  • Digitale Plattformen: Websites und Apps müssen barrierefrei gestaltet werden, um uneingeschränkten Zugang zu ermöglichen.
  • Assistenz und Schulungen:
    Bereitstellung von Assistenzleistungen für ehrenamtliches Engagement und im Alltag.
    Angebote für Schulungen zur Bedienung von Computern und Smartphones, idealerweise finanziell unterstützt.
  • Erhöhung des Problembewusstseins:
    Aufklärungskampagnen zur Sensibilisierung der Gesellschaft und insbesondere der Entscheidungsträger für die Bedürfnisse sehbehinderter Menschen.
  • Mehr Unterstützung und Anerkennung der Notwendigkeit von Inklusionsmaßnahmen auf politischer Ebene.
  • Mobilität verbessern:
    Flexiblere Mobilitätszentralen, die auf die Bedürfnisse von Menschen mit Sehbehinderungen eingehen.
    Verbesserungen im öffentlichen Verkehr, wie hörbare Ansagen auf Infotafeln und klar definierte Wegeführungen.
  • Gesetzliche Anpassungen:
    Umsetzung der UN-Behindertenkonvention und der EU-Richtlinien zu barrierefreier Software in Unternehmen und Behörden. Dynamisierung des Blindengeldes und einheitliche Regelungen für Nachteilsausgleiche bundesweit.

    Die Umfrageergebnisse verdeutlichen, dass ältere Menschen mit Sehverlust in vielen Bereichen des täglichen Lebens erheblich benachteiligt sind. Besonders problematisch ist die fehlende Barrierefreiheit im Verkehr und in der öffentlichen Infrastruktur. Viele Betroffene berichten von Schwierigkeiten mit unzureichenden Leuchtkontrasten bei Anzeigetafeln, schlechter Beleuchtung in öffentlichen Räumen und unlesbaren Schriftgrößen. Diese Hindernisse erschweren nicht nur die Orientierung, sondern auch die sichere Fortbewegung im öffentlichen Raum. Radfahrende auf Gehwegen und falsch abgestellte E-Roller stellen zusätzliche Gefahren dar, die das Gefühl der Unsicherheit verstärken.

Ein weiteres großes Problemfeld ist die Überforderung durch neue Technologien. Viele ältere Menschen fühlen sich ohne entsprechende Unterstützung und Schulungen im Umgang mit modernen Geräten und digitalen Dienstleistungen allein gelassen. Es fehlen bezahlbare und zugängliche Schulungsangebote zur Nutzung von Computern und modernen Hilfsmitteln, was die digitale Teilhabe erschwert.

Auch im Bereich der Behörden und des Finanzwesens sind die Barrieren hoch. Formulare sind oft nicht lesbar, Unterschriften können nicht geleistet werden, und viele Anliegen müssen per E-Mail geklärt werden, obwohl diese Kommunikationswege oft nicht barrierefrei sind. Diese Hürden führen zu erheblichen Nachteilen und erschweren den Zugang zu wichtigen Dienstleistungen.

Gesetzliche Regelungen und finanzielle Unterstützung sind ebenfalls unzureichend. Ein einheitliches Blindengeld bzw. Sehbehindertengeld ist nicht gesetzlich verankert, es fehlen finanzierte Schulungen nach einem Sehverlust und gesetzliche medizinische Rehabilitationsmaßnahmen. Diese Lücken im Sozialsystem führen dazu, dass viele Betroffene nicht die notwendige Unterstützung erhalten, um ihren Alltag bewältigen zu können.

Ein besonders gravierender Mangel besteht in der medizinischen Versorgung. Augenärzte bieten nicht immer eine ausreichende Beratung zu möglichen Hilfsmitteln an, was dazu führt, dass Betroffene oft nicht die optimalen Unterstützungsmöglichkeiten kennen oder nutzen können.

Im Freizeit- und Kulturbereich ist die Teilhabe ebenfalls stark eingeschränkt. Selbständiges Reisen ist oft nicht möglich, da spezielle Angebote entweder fehlen oder sehr teuer sind. Auch kulturelle Angebote, wie Theateraufführungen mit Audiodeskription, sind noch zu selten vorhanden, was die soziale Isolation verstärkt.

Im beruflichen und ehrenamtlichen Bereich sind die Herausforderungen ebenfalls groß. Videokonferenz-Tools sind oft nicht barrierefrei, und es gibt nur wenige Fortschritte bei der Inklusion. Sitzungsunterlagen werden oft nicht rechtzeitig oder in einer zugänglichen Form bereitgestellt, was die aktive Teilnahme erschwert.

Die Betroffenen fordern daher eine umfassende Erhöhung der Barrierefreiheit. Infotafeln und Laufschriften im öffentlichen Nahverkehr sollten hörbar gemacht werden, und Leitstreifen sowie Blindenampeln müssen genormt und durchgängig verfügbar sein. Auch die Beleuchtung öffentlicher Räume sollte verbessert werden, um Blendungen zu vermeiden.

Darüber hinaus ist eine stärkere gesellschaftliche Sensibilisierung notwendig. Mehr Bewusstsein und Toleranz für Sehbehinderungen müssen geschaffen werden, insbesondere bei Mitarbeitern in Banken und Arztpraxen. Unterstützt werden sollte dies durch politische Maßnahmen, die es älteren Menschen ermöglichen, gleitend aus dem Berufsleben auszusteigen. Barrierefreiheit sollte gesetzlich verankert und einklagbar sein, und die Umsetzung der EU-Behindertenrechtskonvention muss beschleunigt werden.

Auch im Alltag sind Erleichterungen notwendig. Größere Schriftgrößen im öffentlichen Raum und auf digitalen Anzeigen sind erforderlich, ebenso wie bessere Informationen zu Reisemöglichkeiten und Unterstützung beim Umgang mit Hilfsmitteln. Mehr Unterstützung im Bereich digitaler Medien und Schulungen zur Nutzung dieser Technologien sind erforderlich, um die Selbstständigkeit und Teilhabe älterer Menschen mit Sehverlust zu fördern.

Diese umfassenden Maßnahmen sind essenziell, um die Lebensqualität und Unabhängigkeit älterer Menschen mit Sehverlust zu verbessern. Es ist wichtig, dass politische Entscheidungsträger diese Bedürfnisse erkennen und die notwendigen Schritte einleiten, um eine inklusive Gesellschaft zu schaffen, in der alle Menschen gleichberechtigt teilhaben können.

Politische Forderungen für ältere Menschen mit Sehverlust: Ergebnisse einer Umfrage
Die Herausforderungen, mit denen ältere Menschen bei einem Sehverlust konfrontiert sind, erfordern gezielte politische Maßnahmen und Unterstützung. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage hat die Prioritäten und Bedürfnisse dieser Bevölkerungsgruppe klar hervorgehoben. Die Umfrageergebnisse zeigen deutlich, dass es dringenden Handlungsbedarf in mehreren Bereichen gibt. Die folgende Übersicht erläutert die politischen Forderungen, die von den Befragten als besonders wichtig bewertet wurden.

1. Reha-Maßnahmen bei Sehverlust, auch im Alter (60,43% sehr wichtig)

Ein Sehverlust im Alter kann drastische Auswirkungen auf das tägliche Leben und die Unabhängigkeit haben. Rehabilitationsmaßnahmen sind daher von entscheidender Bedeutung, um den Betroffenen zu helfen, sich an ihre veränderten Lebensumstände anzupassen. Diese Maßnahmen umfassen unter anderem das Erlernen von Techniken zur besseren Orientierung und Mobilität, den Einsatz von Hilfsmitteln und psychologische Unterstützung. Die Umfrage zeigt, dass über 60% der Befragten Reha-Maßnahmen als sehr wichtig erachten. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, diese Leistungen flächendeckend und ohne Altersbegrenzung anzubieten.

2. Kostenübernahme für das Erlernen lebenspraktischer Fähigkeiten (LPF) (58,21% sehr wichtig)
Lebenspraktische Fähigkeiten (LPF) sind essenziell für die Aufrechterhaltung der Selbstständigkeit. Das Erlernen dieser Fähigkeiten hilft sehbehinderten Menschen, alltägliche Aufgaben wie Kochen, Haushaltsführung und persönliche Pflege sicher und effizient zu bewältigen. Da die Kosten für entsprechende Schulungen oft hoch sind, fordern fast 60% der Befragten eine vollständige Kostenübernahme durch die Krankenkassen oder andere staatliche Stellen. Diese Unterstützung würde die finanzielle Belastung verringern und mehr Menschen Zugang zu diesen wichtigen Schulungen ermöglichen.

3. Bundeseinheitlicher Nachteilsausgleich/Blindengeld (56,72% sehr wichtig)
Ein bundeseinheitlicher Nachteilsausgleich und Blindengeld sind weitere zentrale Forderungen. Derzeit variieren die Leistungen je nach Bundesland, was zu Ungleichheiten führt. Ein einheitliches System würde sicherstellen, dass alle hochgradig sehbehinderten und blinden Menschen unabhängig von ihrem Wohnort gleiche Unterstützung erhalten. Mehr als die Hälfte der Befragten (56,72%) betonen die Dringlichkeit dieser Maßnahme, um eine gerechtere Verteilung von Ressourcen und Hilfsmitteln zu gewährleisten.

4. Fahrkostenübernahme (Taxifahrt) bei einer ambulanten Spritzentherapie bei AMD (47,29% sehr wichtig)

Die altersbedingte Makuladegeneration (AMD) ist eine der häufigsten Ursachen für Sehverlust im Alter. Für viele Betroffene sind regelmäßige Spritzentherapien notwendig, die häufig ambulant durchgeführt werden. Fast die Hälfte der Befragten (47,29%) sieht die Übernahme der Fahrkosten, insbesondere für Taxifahrten, als sehr wichtig an. Dies würde den Zugang zu notwendigen medizinischen Behandlungen erleichtern, insbesondere für Menschen, die keine anderen Transportmöglichkeiten haben.

5. Arbeitsassistenz im Ehrenamt (37,88% sehr wichtig)
Viele ältere Menschen engagieren sich auch nach dem Verlust ihres Sehvermögens weiterhin ehrenamtlich. Die Bereitstellung von Arbeitsassistenz kann diesen Einsatz unterstützen und fördern. Fast 38% der Befragten sehen hierin eine wichtige Maßnahme, um die Teilhabe und das Engagement sehbehinderter Menschen im Ehrenamt zu erleichtern. Arbeitsassistenz könnte beispielsweise durch Unterstützung bei administrativen Aufgaben oder der Nutzung technischer Hilfsmittel erfolgen.

Auf die konkrete Frage, was ältere Menschen mit Sehbehinderung daran hindert sich zu engagagieren sind fehlende Barrierefreiheit (43,75%), andere Gründe (41,41%), keine nutzbare Assistenz (35,16%) und mangelnde Kenntnis über die Möglichkeiten (30,47%) genannt worden.
Zudem gaben 17,19% an, dass keine geeigneten Hilfsmittel vorhanden sind, und 14,06% glauben, dass ihr Engagement sowieso nichts bewirken würde.

Die Umfrageergebnisse verdeutlichen die dringenden Bedürfnisse älterer Menschen mit Sehverlust. Die hohe Priorität, die diesen politischen Forderungen beigemessen wird, zeigt die Notwendigkeit gezielter Maßnahmen und Unterstützungen, um die Lebensqualität und Unabhängigkeit dieser Bevölkerungsgruppe zu sichern. Es liegt nun an den politischen Entscheidungsträgern, diese Anliegen ernst zu nehmen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.

Herausforderungen und Lösungsansätze für ältere Menschen
Ältere Menschen mit Sehbehinderung stehen oft vor besonderen Herausforderungen. Der Verlust des Sehvermögens kann sehr plötzlich eintreten und eine erhebliche Anpassungsphase erfordern.

Rehabilitationsmaßnahmen bei Sehverlust und lebenspraktische Fertigkeiten (LPF) spielen daher eine entscheidende Rolle dabei, diesen Menschen zu helfen, ihre Unabhängigkeit zu bewahren und ihre Lebensqualität zu verbessern. Diese Themen wurden in der Umfrage zum Beispiel als besonders wichtig bewertet.

Obwohl die Ergebnisse der Umfrage nicht repräsentativ sind, stammen sie direkt von der Zielgruppe und spiegeln wertvolle praktische Erfahrungen aus dem Alltag wider, die ernst genommen werden sollten.

Diese Ergebnisse und Verbesserungsvorschläge zeigen, dass umfassende Maßnahmen erforderlich sind, um die Teilhabe älterer Menschen mit Sehbehinderungen zu fördern und ihre Lebensqualität zu verbessern. Eine stärkere Fokussierung auf Barrierefreiheit, Assistenz, Information und Mobilität kann entscheidend dazu beitragen, die Hürden der Teilhabe zu überwinden.

Der Deutsche und Blinden- und Sehbehindertenverband e. V. startete die Umfrage die in das Projekt „Partizipation älterer Menschen mit Behinderungen stärken“ eingebunden ist. Gefördert wird das Projekt durch den Partizipationsfonds des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS).

Statement des Aktionsbündnis-Mitglieds PD Dr. med. Caroline Brandl

Erhielt den Forschungspreis 2023 der Pro Retina - Stiftung zur Verhütung von Blindheit

PD Dr. med. Caroline Brandl

Foto von Caroline Brandl